Stellungsnahme zum Ö1-Radiokolleg vom 2.11.21 'Die Ekstatiker Gottes'

Sehr geehrter Herr Kaindlsdorfer,

8.11.2021

Ihre Sendung unter dem Titel „ Die Ekstatiker Gottes“ hat schon im Vorfeld wegen ihres provokanten Titels nicht wenige evangelikale Gemüter erhitzt. 

  • Evangelikale im Titel der Sendung mit dem alles umfassenden Zentralbegriff „Ekstatiker“ zu punzieren, schießt einfach theologisch und empirisch völlig daneben.

Auch wenn Ihre kritischen Zitate den Tatsachen entsprechen, zielen Ihre Beispiele über „die“ (!?!) Evangelikalen fast ausschließlich auf extreme Ränder. Sie wissen natürlich selbst, dass man Außenseiter in jeder Religionsgemeinschaft findet.

Damit vermittelt Ihr Beitrag ein anscheinend beabsichtigtes, aber völlig verzerrtes Gesamtbild  über „die“ (!) Evangelikalen. Diese (einseitige) Absicht deutet ja schon der Titel der Sendung an.

  • Der Beitrag verschweigt dabei fast völlig den großen, eigentlichen weltweiten Mainstream der Evangelikalen. Dies gilt noch mehr für Österreich, wo Evangelikale - abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen - in den unterschiedlichsten Gemeindebünden und Gruppierungen seit Generationen ein völlig anderes Bild abgeben.

Man gewinnt unweigerlich den Eindruck, dass man hier gar nicht erst gründlich in der österreichischen Szene recherchieren wollte. Ein einfacher Blick auf hunderte evangelikale Webseiten mit ihren unzähligen Onlinepredigten hätte genügt, um einen breiten wahren Überblick über die evangelikale Szene zu gewinnen. Dies belegt die frappierende Einseitigkeit des in der Sendung vermittelten Gesamtbildes. (Fragen Sie beispielsweise Evangelikale hierzulande doch einmal direkt, was sie von D. Trump halten!)

Von gutem Journalismus darf man sich mehr Ausgewogenheit erwarten.

Noch etwas:

  • Am Schluss der Sendung haben Sie die Kühnheit, ausschließlich auf eine einzige Webseite, nämlich jene zum „Freikirchenausstieg“ hinzuweisen. Das muss zweifelsohne auch die vielen Gläubigen der staatlich anerkannten „Freikirchen in Österreich“ irritieren. Würden Sie es denn auch wagen, einen derartigen Hinweis beispielsweise am Ende einer Sendung über katholische oder islamische Strömungen als einzigen Hinweis (!) zu platzieren?

Bei einer Rundfunkanstalt, die einem staatlichen Auftrag gegenüber verpflichtet ist, darf man sich nicht wundern, wenn diese Vorgangsweise schlichtweg als Skandal empfunden wird!

Glücklicherweise haben Evangelikale über Jahrzehnte mit der Abteilung ORF-Religion auch ganz andere, fachkundige und weniger tendenziöse Erfahrungen gemacht.

Ich weise abschließend darauf hin, dass sich der Bund Evangelikaler Gemeinden nicht als Sprachrohr für die breite evangelikale Szene versteht.

Es kann ja in Zukunft wieder sachlicher werden.

Dies hofft mit freundlichen Grüßen,

 

Reinhold Eichinger

Bund Evangelikaler Gemeinden  

Vorsitzender

Sendung zum Nachhören

Unter dem selben Titel wurden am 2., 3. und 4.11. drei Sendungen ausgestrahlt.

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