Was verliert ein Leiter und was gewinnt er, wenn er Verantwortung/ Leiterschaft abgibt?

Christoph Ritter

 

 

Veränderungen schmerzen, bieten aber auch unglaubliche Chancen

 

Ich wurde gebeten diesen Artikel zu schreiben wohl weil ich nahezu 3 Jahrzehnte Ältester war, und  diese Aufgabe zurückgelegt habe, nachdem klar geworden war, dass  die irdischen Lebenstage meiner sehr geliebten Frau gezählt waren.

Was habe ich verloren:

  • Gebetsunterstützung: In meiner Zeit als Ältester haben mir Gemeindegeschwister immer wieder gesagt, dass sie für mich (und meine Familie) beten, einfach weil ich Ältester war. Das war eine große Ermutigung für mich und ein Vorrecht, das ich genoss. Seitdem ich nicht mehr Ältester bin, hat sich das deutlich reduziert.
  • Den gewohnten Platz in der Gemeinde: Jeder in der Gemeinde hat im Gemeindegefüge einen Platz, eine Funktion (z.B. Eph. 4,16: „… Gelenke die einander Handreichung tun ...“). Plötzlich war ich nicht mehr das Gelenk, das ich Jahrzehnte gewesen war. Das war (und ist fallweise heute noch) schwierig.  Welches Gelenk bin ich denn nun?  Sehr deutlich wurde mir das an einer Kleinigkeit bewusst: Wenn ich die Ältesten z.B. nach einem Gottesdienst zusammenstehen sah, um etwas kurz zu besprechen, kam oft der schmerhafte Gedanke: Und ich bin nicht mehr dabei.
  • Ein Stück Gemeinschaft: Der Ältestendienst war natürlich verbunden mit Gemeinschaft unter den Ältesten. Das war nun verständlicherweise auch deutlich reduziert.
  • Man könnte wohl noch mehr sagen, wie Verlust von Einfluss etc. das ist aber so selbstredend, dass ich es nicht weiter ausführen möchte.

Was habe ich gewonnen:

  • Zeit: Bei mir zuerst mal, mehr Zeit für meine Frau. Aber auch für Jahrzehnte liegengebliebenes. Beispiel: Ich wohne in einer Sackgasse. Seit ca. 20 Jahren hatte ich vor, ein Straßenfest für diese Sackgasse zu machen. Ziel: Kontakt vertiefen – Möglichkeiten vorbereiten, von Jesus zu erzählen. In meiner Zeit als Ältester hatte ich das nicht geschafft. Nun konnten wir das Projekt mit Zittern in Angriff nehmen. Und es wurde ein voller Erfolg, und findet seither jährlich statt. Das Leben in der Straße hat sich verändert. Türen öffnen sich.
  • Leben neu ausrichten: Als Ältester war ich oft ein etwas „Getriebener“. Damit meine ich: Viele Probleme kamen einfach aus dem Gemeindealltag und mussten bearbeitet werden. Dieser Druck war weg. Ich konnte nun mit all meiner Erfahrung unter Beachtung meiner Gaben, mich fragen, was würde ich noch gerne machen, was will unser treuer Gott noch von mir. Das ist eine unglaubliche Chance, die ich, eingespannt in die Ältestenaufgabe, eigentlich nicht gehabt hatte.

 

 

 

 

 

 

  • (Vielleicht muss ich hier erwähnen, dass bei mir innerhalb relativ kurzer Zeit sowohl meine Frau in den Himmel übersiedelte, dass meine berufliche Arbeit endete, und auch die Erziehungsaufgabe meiner Kinder auslief. So hatte ich die ganz große Chance, mein Leben komplett neu zu ordnen.)
    Heute kann ich unter Gottes Leitung viel freier Dinge auswählen, die ich tun möchte, beziehungsweise auch nicht tun möchte. Auch wenn die Beendigung einer Leitungsaufgabe üblicherweise nicht verbunden ist mit so vielen anderen Veränderungen: Als erfahrener Mensch das Leben neu ausrichten zu dürfen ist ein unglaubliches Privileg.
  • Auch hier könnte man wohl noch viel mehr sagen, wie weniger Last der Verantwortung etc. aber das ist wiederum so selbstredend, dass ich es nicht weiter ausführen möchte.

Abschließend scheint mir noch ein Gedanke wichtig: Wäre die Krankheit meiner Frau nicht gewesen, so wäre ich vermutlich heute noch Ältester. Der Ausstieg aus der Leitung soll aber irgendwann sein. Ich halte dafür Gemeinderegeln, die klären, wie lange jemand ein Amt bekleiden soll, für eine große Hilfe.  Auch wenn Veränderungen oft schmerzen, bieten sie auch fast unglaubliche Chancen – denn unser treuer himmlischer Vater will uns ja zu Segen für andere verwenden – auch wenn wir nicht mehr Leiter sind.

Bildnachweis: Pixabay.com